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Wie Sie ein Fachbuch schreiben (2): Thema und Lesernutzen

Category : Fachbuch · (2) Comments · by 11. Februar 2014

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Warum ist es so schwierig, einen Verlag zu finden? Einerseits, weil Verlage wählerisch sein müssen. Ein Verlag finanziert per Definition Buchprojekte vor, lange bevor der (erhoffte) wirtschaftliche Erfolg eintritt. Andererseits, weil die meisten von Autoren eingereichten Projekte entweder nicht in das Programm des jeweiligen Verlages passen oder gleich komplett am Markt vorbeigehen. Wie (fast) immer gilt: der Markt ist (fast) alles. Und, leider: Fachbücher können keine Nachfrage schaffen, sondern nur auf sie reagieren. Wonach suchen Fachbuchverlage also? „Nach dem richtigen Buch vom richtigen Autor zum richtigen Zeitpunkt“. – Büchermachen kann so einfach sein.

Seien Sie relevant: Thema & Nutzen
Aber dieser Spruch ist nicht ganz so blöd, wie er klingt. Im Markt heißt „richtig“ nichts anderes als „relevant“. Wenn Sie also der richtige Autor mit dem richtigen Buch sein wollen, müssen Sie und Ihr Wissen für Ihre Leser relevant sein. Das ist beim Fachbuch gar nicht so schwer, denn die Themen sind in der Regel schon da und Ihnen vermutlich bekannt (z.B. in Gestalt technologischer Trends). Die eigentliche Arbeit besteht darin, zwei Dinge herauszufinden – nämlich 1) welches dieser Themen Potential hat und 2) wo genau der Wissensbedarf zu diesem Thema liegt.

Hat das Thema Potential?
Ein Thema mit Potential für Buchverkäufe entsteht meist am Konvergenzpunkt mehrerer technologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen und wird so mit einem Male breitentauglich. Ein paar (im Rückblick stark vereinfachte) Beispiele aus meinen eigenen Erfahrungen der letzten Jahre mit sog. „Computerbüchern“:

  • PCs /Laptops in (so gut wie) jedem Haushalt + erschwingliche & leistungsfähige Digitalkameras + aufkommende Bearbeitungssoftware + Sharing-Plattformen = digitaler Fotografie-Boom (auch an den SLR-Boom der 80er anknüpfend)
  • Online-Sozialisierung der Nutzer durch bundesweiten Netzausbau (DSL) + Erfolg mächtiger Kommunikationsplattformen wie Facebook und Twitter + Verbreitung von Smartphones = Social Media-Boom
  • Wachsende Mobilität (Pendler/Reisen) + preiswerte Lesegeräte und Inhalte + 24/7-Shop mit einfachster Bedienung = E-Book-Boom

Kontext
Diese Auflistung sagt nicht, dass Sie lediglich 1+1+1 zusammenzählen müssen, um Themen mit Potential zu finden. Aber sie sagt, dass Sie das Potential eines Themas nur in seinem Kontext beurteilen können. Fragen Sie sich immer: Gibt es verwandte Themen, zu denen bereits erfolgreiche Titel erschienen sind? Gab es ähnliche Konstellationen oder Entwicklungen in der Vergangenheit? Vergleiche Sie das Suchaufkommen zu diesen und Ihrem Thema auf Google Trends. Welche Entwicklungen gibt es in der Community zum Thema? Gibt es Firmen, die das Thema aus eigenem Interesse fördern müssen (z.B. Software-Hersteller oder Trainingsfirmen)? Seinen Sie vernetzt, schöpfen Sie Ihre Informationen aus verschiedenen und möglichst maßgeblichen Quellen.

Timing
Da sich alle diese Themen über lange Jahre entwickelt haben – oft  vom (kleinen, aber ggf. hochpreisigen) Profimarkt in den (großen, aber preissensiblen) Breitenmarkt – ist Timing sehr wichtig. Denn ob Sie mit Ihrem Buchprojekt erfolgreich sind, hängt davon ab, dass es weder zu früh noch zu spät erscheint. Werfen Sie einen Blick auf den viel zitierten Gartnerschen Hypecycle: erst im letzten Drittel wird zuverlässig Geld verdient. Wenn Sie „Erster sein“, also während des Hypes auf dem „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ einsteigen wollen, brauchen Sie eine gute Intuition, viel Glück und starke Nerven. Hier konkurrieren Sie außerdem mit schnellen Medien wie Zeitschriften und natürlich dem Internet.

Wenn Sie nicht Erster sein können, versuchen Sie Bester zu sein. Es gibt viele Beispiele für äußerst erfolgreiche Fachbücher, die später erschienen sind als die Konkurrenz, und den Markt dann von hinten aufgerollt haben. Eben, weil sie das für ihre Zielgruppe bessere Angebot machten. (Eine Ausnahme hiervon sind Fachbücher, die einem bestimmten Veröffentlichungsrhythmus folgen müssen – etwa dem Semestertakt an Unis und Fachhochschulen oder den Releasezyklen der Softwarehersteller.)

Wissensbedarf = Lesernutzen
Denn hier liegt – natürlich – das eigentliche Potential Ihrer Buchidee: in der richtigen Ausrichtung des Themas, um den von ihrer Zielgruppe gewünschten Wissensbedarf zu decken. Je besser Ihre Buchidee auf die Erfüllung dieses Lesernutzens abzielt, desto größer ihre Chance auf kommerziellen Erfolg (und damit auf Umsetzung durch einen Verlag).

Dazu müssen Sie das Lernverhalten Ihrer künftigen Leser gut einschätzen können. Haben Sie es bei diesem Thema mit Einsteigern zu tun, die nach einer Einführung ins Thema gut auf anderen Wegen weiter kommen? Dann sollten Sie tiefer ansetzen, Grundwissen und Handwerkszeug vermitteln und für erste Erfolgserlebnisse sorgen. Oder erlaubt Ihnen die Breite des Themas, Ihre Buchidee so zu fokussieren, dass Sie für Quasi-Experten schreiben? Dann besteht die Herausforderung für Sie darin, gerade das richtige Maß an Vorwissen vorauszusetzen und für Ihre Buchidee die richtigen Themen auszuwählen.

So oder so – optimal ist es, wenn Sie bereits in Kontakt mit Ihrer Zielgruppe stehen – als Trainer, Dozent, Sprecher, über Social Media oder andere Kanäle.

Eine erste Skizze Ihrer Buchidee
Entwickeln Sie Ihre Buchidee also durch die Leserbrille. Denken Sie in Lernzielen. Wo stehen Ihre Leser zu Beginn des Buches und was sollen sie am Ende können (können, nicht nur: wissen)? Füllen Sie den Raum zwischen Anfang und Ende dieser Lernkurve mit in sich geschlossenen Lernschritten. Fragen Sie sich bei jedem Schritt: ist diese Information für den Leser relevant zur Erreichung seines Zieles? Erstellen Sie so eine erste Gliederung – die Lernschritte sind Ihre Kapitelüberschriften, und mehr als diese erste Ebene brauchen Sie erstmal nicht.

Denken Sie auch an die Ergebnisse Ihrer Amazon-Recherche weiter oben – haben Sie sich die Bestseller zu Ihrem Thema näher angeschaut? Wie gehen deren Autoren die Sache an (werfen Sie einen Blick in die Inhaltsverzeichnisse – oft auf den Webseiten der Verlage einsehbar)? Wie macht sich Ihre Projektskizze im Vergleich dazu? Liegt Ihre eigene Seitenschätzung zu hoch oder zu niedrig? Überarbeiten Sie danach ggf. noch einmal Ihre Gliederung. Danach sind Sie eigentlich startklar.

Denn: Verlage bzw. Lektoren erwarten nicht, dass Sie ein fertiges Manuskript vorlegen, im Gegenteil: es wäre nur schwer bis gar nicht in das Verlagsprogramm integrierbar. Viele Fachbuchverlage arbeiten mit Reihen oder Clustern, die eine einheitliche Herangehensweise und inhaltliche Struktur voraussetzen. Solitäre tun sich schwer im Programm und bleiben oft Fremdkörper – von der Entwicklung des Buches bis zu Vermarktung und Vertrieb. Entscheidend für Lektor und Verlag wird vielmehr sein, ob Sie mit Ihrer Buchidee ein umsatzstarkes Thema auf eine besonders zielgruppengerechte Weise angehen. Das richtige Buch zum richtigen Thema zum … Sie wissen schon: Relevant sein.

Im nächsten Artikel nehmen Sie Ihre Buchidee (und noch ein, zwei andere Infos) und ziehen los, einen Verlag zu finden.



(2) comments

Sam
3 Jahren ago · Antworten

Wenn man in einem Fachgebiet sehr zu Hause ist, man die Bücher zu dem Thema alle kennt und bei allen unzufrieden ist und meint, man kann das besser vermitteln, kann das auch eine gute Position sein (das ist dann das von Ihnen erwähnte von unten aufrollen) – man kennt den Markt und die Konkurrenten schon und kann sie übertrumpfen.

Wobei ich da auch noch eine wichtige Überlegung sehe: Schreibe ich, weil ich damit möglichst viel Geld verdienen will oder weil mir ein Thema am Herzen liegt?
Denn wenn ich zB in meinem Bereich, der Fotografie, in die Bestsellerlisten schaue, dann stehen da ganz oben fast nur Kamerahandbücher, meist immer wieder von den gleichen Autoren. Solche zu schreiben ist aber nicht unbedingt erfüllend und kann einem eher den Spaß am Schreiben verderben.
Dagegen kann man auch mit Nischenthemen ganz anständig Geld verdienen.

boris
3 Jahren ago · Antworten

Ich glaube, einige meiner Autoren könnten ebenso gut als Selfpublisher veröffentlichen (das Wissen haben sie nach ein, zwei Projekten mit dem Verlag). Aber sie ziehen es vor, mit einer Verlagsmarke und einem Lektor zu arbeiten, der im günstigen Falle ja auch eine Art Coach sein kann (wenn der Verlag ihn lässt).

Ihren Punkt mit dem „Erfolg haben, weil man über das schreibt, was man will“ finde ich interessant, weil Leser so etwas merken und honorieren. Sollte auch ein Kriterium für Lektoren bei der Auswahl ihrer Projekte sein, wenn ein Autor so argumentiert – anstatt immer nur Annahmen über den Markt zu treffen (da gibt es jede Menge ungeprüfter Mythen;)).

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